Kenny Cavanah
Earl Kenneth „Kenny“ Cavanah (1924-2013) stammte aus Independence, Missouri. Er wurde 1943 eingezogen und den Luftlandetruppen zugeteilt. Nach dem Einsatz während der Ardennen-Offensive diente er 1945 als Soldat im 1. Bataillon des amerikanischen 194. Luftlanderegiments. Seine Einheit landete am 24. März 1945 in Lastenseglern auf der Landezone S nordöstlich von Wesel im Bereich der Issel.
In seinem Brief beschreibt der damals 20jährige die Luftlandung und die Kämpfe bei Wesel sowie den Vormarsch seiner Einheit bis zum 11. April 1945. Ab Mitte April war sein Regiment im Ruhrgebiet im Einsatz und diente nach dem Ende der Kämpfe bis zum Juni 1945 als Besatzungstruppe im Bereich Duisburg und Mülheim/Ruhr.
Interessant ist, dass am Anfang dieses Briefes das „Fraternisierungsverbot“ thematisiert wird, während am Ende die Festnahme Franz von Papens im April 1945 bei Meschede erwähnt wird. Von Papen war am 30. Januar 1933 als Vize-Kanzler in eine Koalitionsregierung mit Hitler eingetreten und gilt bis heute als einer der „Steigbügelhalter“ für die NS-Machtübernahme.
Kennys Cavanahs Brief und einige private Fotos werden hier mit freundlicher Genehmigung seines Sohnes Marty Cavanah veröffentlicht.
Deutschland, 23. Mai 1945
"Liebe Leute,
ich habe gerade meinen Brief an Gail und Betty beendet und dachte, ich schreibe euch, solange ich noch in Stimmung bin. Es ist wieder bewölkt und kühl, deshalb habe ich den Pullover rausgeholt, den mir Ruth zu Weihnachten geschenkt hat, und trage ihn seitdem.
Ich habe heute Morgen nicht viel gemacht; ich habe das Haus aufgeräumt, war Laufen und wollte eigentlich duschen gehen, aber der LKW kam nicht. Wir haben wirklich tolle Duschmöglichkeiten. Für jeden Mann gibt es einen eigenen gefliesten Raum, und es gibt auch Badewannen, falls wir baden wollen.
Heute Morgen war eine deutsche Frau da, die unsere Wäsche gewaschen und gebügelt hat. Sie war schon neulich da und hat das ganze Haus für uns geschrubbt. Wir dürfen sie das machen lassen, aber es ist überhaupt nicht erlaubt, mit ihnen zu reden.
Wir dürfen über die Dinge schreiben, die wir im Kampfeinsatz erlebt haben, deshalb schicke ich euch die Daten und ein paar der Ereignisse. Hebt euch das gut auf.
Am 19. März waren wir in unserem Lager in Chalon, Frankreich, und erhielten die Nachricht, dass wir an einem Luftlandeunternehmen teilnehmen würden. Wir fuhren in Güterwagen zu unserem Flugfeld und kamen dort am 21. März an. Am selben Abend bekamen wir unsere erste Einweisung und erfuhren zum ersten Mal, dass wir bei Wesel abgesetzt würden.
Am 22. und 23. März lagen wir nur herum, bekamen Einweisungen und beluden unsere Lastensegler. Wir wurden hervorragend verpflegt und mussten nichts tun. Bei den Einweisungen gab es Karten, die wir ständig studierten. Wir wussten, wo jeder Mann nach der Landung hinmusste. In der Nacht vom 23. auf den 24. März schlief ich kaum, da ich ziemlich nervös war, obwohl ich keine Angst hatte, da ich nicht wusste, was mich erwarten würde.
Der 24. März war der Tag der Landung. Wir standen um 3:30 Uhr auf und aßen Spiegeleier, aber ich hatte nicht viel Hunger. Wir liefen zu den Lastenseglern. Es waren etwa zwei Meilen, und wir waren so bepackt, dass ich es gerade so geschafft habe. Wir starteten um 9:00 Uhr. Ich saß im zweiten Lastensegler, aber nachdem wir unseren Treffpunkt erreicht hatten, flogen wir in der zweiten Staffel. Der Flug dauerte drei Stunden und war recht ruhig, aber mir wurde etwas übel.
Es war nicht schlimm, bis wir den Rhein erreichten. Dann gerieten wir in eine Rauchwolke, und ich sah überall um uns herum schwarze Explosionen vom Flakfeuer. Wir klinkten uns vom Schleppflugzeug aus, und ich hörte Maschinengewehrfeuer. Da bekam ich richtig Angst. Ich fühlte mich so hilflos in der Luft und unfähig, mich zu wehren. Ich schaute nach unten und sah das Feld. Es war so voll mit Lastenseglern, dass ich dachte, wir würden keinen Landeplatz finden.
Wir flogen mit 120 Meilen pro Stunde direkt auf ein Wäldchen zu, dann griff sich der Co-Pilot die Steuerinstrumente, kurvte mit der Maschine über einen Kanal und landete auf einem anderen Feld. Wir durchbrachen ein paar Zäune, aber es war nicht so schlimm, wenn man bedenkt, wie manche der anderen gelandet waren. Wir kamen direkt neben zwei deutschen Flakgeschützen runter. Die Deutschen waren noch an den Geschützen, aber ein paar Amerikaner standen mit ihren Gewehren schon hinter ihnen.
Wir rückten vor und nahmen unser Ziel ein, mussten aber aufpassen, da überall um uns herum Lastensegler niedergingen. Wir holten etwa 20 Soldaten aus Häusern, die wir eroberten, und gruben uns dann für die Nacht ein. Da wir auf Grundwasser stießen, konnten wir nicht tief graben. Also holten wir einen Fallschirm und polsterten unsere Deckungsloch aus. Bis etwa Mitternacht lief alles gut, dann kamen sie und teilten mich und zwei andere Männer zu einer Patrouille ein. Sie dachten, ein paar Heinies (Deutsche) würden einen Pfad entlangkommen, und dann sollten wir sie niedermähen. Wir lagen die ganze Nacht draußen, aber niemand tauchte dort auf.
Am 25. März gingen wir zu einem Haus und brieten etwa sechs Eier mit etwas Schinken. Um 15:30 Uhr griffen wir mit zwei britischen Panzern an und sicherten die unfertige Autobahn. Das war eine ziemlich aufregende Nacht. Wir lagen in einem großen Graben und konnten gerade über den Rand hinüberschauen. Es war stockdunkel, und wir konnten nicht viel sehen, aber wir konnten Deutsche etwa 50 Meter von uns entfernt reden hören. Wir konnten auch hören, wie Panzer herumfuhren. Ein deutsches Halbkettenfahrzeug kam rumpelnd die Straße entlang, und unsere Panzerabwehrkanone schoss es ab. Es brannte die ganze Nacht, und Granaten explodierten die ganze Nacht. Sie verletzten einen Heinie, der zur Besatzung des Halbkettenfahrzeugs gehörte. Er lag da und schrie die ganze Nacht um Hilfe, es klang wirklich schauerlich.
26. März - als es hell wurde, konnte ich mit meinem Fernglas ein paar Heuhaufen sehen, doch dann bewegten sie sich. Ich nehme an, es waren Panzer. Wir griffen heute Morgen über einen Kanal an und mussten bis zu den Oberschenkeln durchs Wasser waten – ich hab so etwas schon immer gehasst. Es war ziemlich kalt, regnerisch und einfach nur elend. Mittags hielten wir an und gruben uns in einem Feld ein. Ich ging zu einem Haus und holte ein paar eingemachte Kirschen und anderes Obst. Die ganze Nacht war der Himmel voller Suchscheinwerfer und deutscher Flak, die auf unsere Jagdflugzeuge feuerte.
27. März - Angriff mit 5 Panzern durch den Wald. Daraus wurde dann ein zwölf Meilen langer Marsch, und ich war ziemlich erschöpft, da ich 250 Schuss Munition für das BAR-Maschinengewehr, 160 für mein Gewehr, drei Gewehrgranaten und drei Handgranaten trug. Heute Abend bekamen wir endlich wieder warmes Essen, und es war wirklich schön, den Koch wiederzusehen. Von da an gab es ein bis zwei Mahlzeiten am Tag.
28. März – wir griffen den ganzen Tag an und gerieten unter heftiges Artilleriefeuer. Abends fuhren wir auf Panzern bis zu einem großen Benzinlager und gruben uns an diesem Tag zum dritten Mal ein. Es regnete immer noch und war kalt.
29. März – Lastwagen holten uns ab und brachten uns nach Dülmen. Wir blieben bis zum 1. April in Dülmen. Dann verließen wir Dülmen auf Lastwagen und gruben uns auf einem Hügel etwa 12 Meilen von Münster entfernt ein.
Am 2. April standen wir um 3:30 Uhr auf und saßen bis etwa 9:00 Uhr herum, während der Colonel (Oberst) nach Münster hineinging, um zu sehen, ob sie kapitulieren würden. Die Deutschen lehnten ab, also marschierten wir zwölf Meilen im Regen. Um 16:15 Uhr griffen wir Münster mit 15 britischen Churchill-Panzern an. Gegen 20:00 Uhr gruben wir uns mitten in der Stadt ein. Ich musste einen Horchposten beziehen und lag die ganze Nacht im Regen, bis auf die Haut durchnässt. Es blieb alles ruhig, also machten wir, sobald es hell wurde, in einer kleinen Hütte ein Feuer, um unsere Kleidung zu trocknen. Während wir am Feuer saßen, beobachteten uns einige Heinies. Wir rannten zur Tür und riefen „Halt!“, aber sie rannten weiter. Wir eröffneten das Feuer, trafen einen, nahmen einen gefangen und zwei entkamen.
Am 3. April durchsuchten wir die Stadt.
Am 4. April verlegten wir an den Stadtrand von Münster und gruben uns ein. Ich wurde zum stellvertretenden Gruppenführer der 3. Gruppe ernannt.
Am 5. April verlegten wir auf Lastwagen in den Ruhrkessel und bezogen gemeinsam mit der 1. Division in einer Stadt Stellung.
Am 6. April griffen wir eine Stadt an, die auf einem Hügel lag. Unser Zug war vorne, die 3. Gruppe blieb in Reserve. Wir nahmen die Stadt ein und gruben uns für die Nacht ein.
Am 7. April griffen wir Warstein an, besetzten die Stadt und gruben uns ein. Bei der Einnahme der Stadt gerieten wir unter heftiges Artillerie- und Mörserfeuer. Wir kamen in einem Haus unter, in dessen Keller es viele schöne Schinken gab, also haben wir gut gegessen. Wir entdeckten auch einen Weinkeller und tranken guten Wein und Sekt.
8. April – den ganzen Tag Angriff durch Wälder entlang einer Straße. Wir gerieten unter heftiges Artilleriefeuer (105 mm). Brannon wurde verwundet.
9. April – wir gruben uns an einer Straße ein.
10. April – langer Marsch durch Wälder und Begegnung mit der 95. Division. Die ganze Nacht lagen wir unter Feuer von Flakgeschützen. Das 2. Bataillon nahm von Papen gefangen.
11. April – LKW-Fahrt nach Unna und Übernachtung in einer SS-Kaserne. Ich fand eine Uhr in einem der Büros. Nun, mehr kann ich im Moment nicht erzählen, da wir nichts preisgeben dürfen, was danach geschah. Ich kann Euch noch mitteilen, dass wir von Boston aus die Reise nach Übersee antraten. Wir fuhren auf der „Wakefield“ und legten in Liverpool an. Wir erhielten in der Nähe von Swindon unsere weitere Ausbildung. Wir verließen England am Heiligabend und landeten am selben Tag in Frankreich. Ich werde zu einem späteren Zeitpunkt über die Ardennen-Offensive schreiben, sobald ich konkrete Termine habe.
In Liebe, Kenny"